Eine Reisegeschichte: mit dem Todeszug zum Bankautomaten

Liebe Leser,

besser spät als nie: eine letzte Reisegeschichte ist noch eingetroffen, diesmal von einem Pärchen, das auf fast zwei Jahren Weltreise wirklich einiges an Abenteuerlichem erlebt hat – und natürlich auch sehr viel Gastfreundschaft bei netten Privatvermietern, die sie in günstigen Privatunterkünften aufgenommen haben.

Viel Spaß beim Lesen!

Bolivien, San José: Mit dem Todeszug zum nächsten Bankautomaten

Als wir zwei im Frühjahr 2010 Bolivien bereisten und die kleinen Jesuitendörfer im Osten des Landes besuchten, sind wir an einem Abend in der Kleinmetropole San José angekommen. Die Stadt befindet sich auf der Hauptverkehrsader zwischen Paraguay und der bolivianischen Großstadt Santa Cruz. Nachdem unsere erste Unterkunft nicht sonderlich gemütlich gewesen war (unfreundliche Leute, ja auch diesen begegnet man auf Weltreise), waren wir nun auf der Suche nach einer gemütlichen und sympathischen Privatunterkunft.

Wir gingen also davon aus, dass wir dort bequem per Visa Karte Geld abheben konnten, da wir gerade noch das nötige Kleingeld für die Übernachtung hatten. Am nächsten Morgen suchten wir einem Bankautomat, um weiter Richtung Osten reisen zu können. Doch leider fanden wir die erhoffte technische Infrastruktur nicht vor. Es gab nur für lokale Bankkunden Automaten. Visa war hier ein Begriff, doch anscheinend (noch) nicht notwendig. Selbst in einer Bank konnte man uns nichts auszahlen. Hier war nun guter Rat teuer. Es war 10 Uhr. Wir waren pleite. Wir hatten nicht einmal genügend Münzgeld übrig, um das tägliche Wasser zu kaufen. Ganz zu schweigen von Mahlzeiten oder einer Fahrt in die nächste größere Stadt, die mindestens 6 Stunden Busfahrt entfernt lag!

Im Gepäck fanden wir noch genau 15 US-Dollar, die wir in Bolivianos umtauschen konnten. Aber würde dieses Geld reichen: Zum Essen, Trinken, und um in die nächste Stadt mit Bankautomaten zu kommen? Für eine Busfahrt für eine Person reichte das Geld, wir waren aber zu zweit. Und bleibt noch genügend Geld für den anderen zum Leben übrig? Eher nicht. Was nun?

Uns wurde gesagt, dass ein Zug über Nacht zurück nach Santa Cruz fahren würde – wir hatten davon gehört. Es handelte sich um den „Tren de la Muerte“ – den Todeszug. Früher fuhren viele an Gelbfieber und Malaria erkrankte Passagiere mit diesem Zug. Heute wird die Strecke gerne bei Streiks blockiert. Dieser Zug schien die einzige Möglichkeit für uns zu sein, wieder an Geld und an eine angemessene Zivilisation zu kommen.

Mit zwei Fahrkarten im billigsten Abteil hätten wir gerade noch genügend Geld für trockenes Brot und Trinkwasser übrig. Am späten Abend stiegen wir in den Zug ein – es war erstaunlich voll für einen Todeszug. Wir waren sehr auf die nächtliche Rettungsfahrt gespannt. Der Zug setzte sich langsam Meter für Meter in Bewegung. Es wackelte, rüttelte und quietschte und kein Zug, nicht einmal in Indien, fuhr so wacklig und unsicher wie dieser. Die Waggons suchten ihre Schienen anscheinend selbst. Es war ein Höllenlärm, durch die Fenster zog es bitter kalt und die Einheimischen unterhielten sich ungestört bis tief in den Morgen. Entspannte Nachtruhe, wohlige Wärme und Kraft schöpfenden Tiefschlaf gab es heute nicht. Unsere Nerven lagen blank. Diese Art der Übernachtung kann ich jedenfalls nicht weiterempfehlen…

Spät, sehr spät, überwand unsere Müdigkeit glücklicherweise alle Qualen und Ängste. Am nächsten Morgen kamen wir in Santa Cruz zermürbt aber lebendig an. Mit unserer Restfreude liefen wir zum nächsten Bankautomaten und konnten uns endlich, wie wir es in unserer Reise gewohnt waren, wieder Geld abheben. Erlöst und erleichtert buchten ein gemütliches Zimmer bei einem privaten Vermieter und erholten uns einen Tag von diesen Strapazen. Während unserer langen Reise war San José die einzige Stadt, in der wir mit unserer Visa Karte kein Geld – wegen nicht vorhandener Infrastruktur – abheben konnten.

16. Februar 2011

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